Der Anti-Atomkraft Hipster

Gib es zu, nach Fukushima hast auch Du den Facebook-Anti-Atomkraft-Button um Dein Profilbild gepappt. Und wo ist der jetzt, ein Jahr später? War klar, irgendwie kamen dann andere Dinge, die interessant waren-Wulff und so. Fukushima ist genau ein Jahr her, Zeit zu reflektieren. Haste nicht, musst noch in die Panne-Bar? Egal, wir reflektieren trotzdem in einem kleinen Rückblick und der Frage, was eigentlich unsere Bundesregierung so treibt, nachdem sie uns den schnellen Atomausstieg lauthals versprochen hat. Es darf schon einmal notiert werden, unsere Bundesregierung-sie ist scheinheilig wie der Kollege, der Deine Idee klaut, wie Deine Freundin, die Dir sagt, die Hose stehe Dir gut, obwohl Dein Arsch darin aussieht wie ein Luftkissenboot.

Nach dem durch Fukushima entstandenen Schock ist Atomkraft unpopulärer denn je und darauf reagierte auch die Politik. Der deutsche Atomausstieg ist beschlossene  Sache. Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist zwar schwierig, doch es sieht danach aus, dass er machbar ist. Leider ist er aber vor allem eins – teuer. Hast Du Dich mal mit Deiner Stromrechnung beschäftigt? Nein? Besser ist es- sonst musst Du Dich sicher übergeben. Aber wenn man etwas wirklich möchte, muss man schließlich auch bereit sein, Opfer zu bringen. Wie die teuren Schuhe auf die Du so scharf bist, sparen angesagt oder das Mädchen, das am liebsten die ganz teuren Cocktails trinkt, bevor sie mit Dir in die Kiste springt.

Ein Rückblick:

Am 11. März 2011, um 14:46 Uhr Ortszeit, erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala die Küste der japanischen Hauptinsel Honshu. Das Beben verursachte einen Tsunami, der mit bis zu 14 Meter hohen Wellen auf die Küste bei Sendai traf. Mehr als 15.000 Menschen wurden getötet und mehr als 9.500 werden noch immer vermisst. In der Folge entwickelte sich ein Atomunfall, deren Folgen für Umwelt und Gesundheit der betroffenen Menschen derzeit nicht einschätzbar sind. Als es am frühen Nachmittag zum Erdbeben kam, wurden automatisch alle sich in Betrieb befindlichen Reaktoren aus- und auf die Notstromgeneratoren umgeschaltet. Um 15.37 Uhr erreicht eine 15 Meter hohe Flutwelle die Küste, die vorhandene Schutzmauer schützte jedoch nur vor einem Tsunami der Höhe 5,7.

Bereits das Beben selbst schuf jedoch die Grundvoraussetzung für die folgende Katastrophe, welche der Tsunami diese dann endgültig ins Rollen brachte. Keine fünf Stunden nach dem Beben begann das nukleare Material im Reaktordruckbehälter von Block 1 sich zu verflüssigen, bei einer Hitze von fast 3.000 Grad Celsius! Das Beben selbst hatte den Reaktorkern leck geschlagen. Kühlwasser lief aus, die Stäbe lagen blank und heizten sich auf.

Was aber genau war geschehen, dass sämtliche Sicherungsvorrichtungen zugleich versagten?

Die Abschaltung der Generatoren ist ein beabsichtigter automatischer Vorgang. Um die Nachwärme der Anlagen zu beherrschen, sind diese nach der Abschaltung auf die externe Versorgung bzw. eine Notstromversorgung angewiesen. Fukushima hatte zwölf Notstromaggregate, davon wurden elf durch den Tsunami zerstört. Das Problem: Die Dieselgeneratoren standen zum Teil im Keller der Reaktorgebäude und insgesamt recht dicht beieinander. Nur ein einziges, luftgekühltes Notstromaggregat mit eigener Dieselversorgung bei Block 6 stand hoch genug, um den Fluten zu widerstehen. Doch dieses eine reichte bei weitem nicht aus.

Einen Monat nach dem Beben stuften die japanischen Behörden den Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Dai-ichi als „katastrophalen Unfall“ ein. Dies entspricht Stufe 7 und damit der höchsten Stufe der international verwendeten INES-Skala zur Einstufung von nuklearen Ereignissen.

Der sogenannte „station blackout“ trat ein, d.h., dass auch die elektrisch angetriebenen Kühlsysteme ausfielen und das Wasser das Wasser in den Reaktoren und den Kondensationskammern immer weiter aufheizte, welches dann verdampfte bis die Brennelemente nicht mehr mit Wasser bedeckt waren. Danach stieg die Temperatur der Brennelemente sehr stark an, wodurch wiederum Wasserdampf entstand, der aufgrund einer chemischen Reaktion zu Wasserstoff wurde. Als dieser dann in Kontakt mit Sauerstoff kam, verursachte das Explosionen, die große Schäden anrichteten. Die Kernschmelze war nicht mehr aufzuhalten.

Ab dem 11. März 2011 evakuierte die japanische Regierung alle Anwohner und Anwohnerinnen, die im Umkreis von zunächst zwei, später drei Kilometern um das Kernkraftwerk lebten. Am 12. März wurde die Evakuierungszone schrittweise bis auf 20 Kilometer erweitert, im April auf 30.

Beim Spiegel meint man, „niemand wird nun ernsthaft fordern, jeden Reaktor der Welt mit einer besonders hohen Tsunami-Schutzmauer zu versehen“. Aber warum eigentlich nicht? Man könnte sich ja auch andersherum fragen, wieso ein Atomkraftwerk, das direkt an der See gebaut worden ist, noch dazu in einem erdbebenreichen Gebiet, eigentlich nicht von vorneherein mit einer effektiven Tsunami-Schutzmauer versehen worden ist? Fehlte es an den technischen Gegebenheiten, an der Weitsicht der Verantwortlichen, gar an ihrem Willen? Schließlich handelt es sich bei Fukushima um ein sehr altes Werk und dieses noch einmal so aufzurüsten, dass es den aktuell empfohlenen Sicherheitsstandards entspricht, ist teuer. Japan mag ein technisch hochentwickeltes Land sein,  doch genau wie überall, wo gespart werden kann, wird gespart. Und meistens geht es ja auch gut. Nur hier eben nicht.

Das Ausmaß der Strahlenschäden beim Menschen und vor allem die Folgen für die Umwelt sind bislang unabsehbar. Immense Mengen radioaktiven Wassers sind bei dem Versuch, die Brennstäbe zu kühlen, in den Pazifik geflossen. Wie das Ökosystem darauf reagieren wird, ist Wissenschaftlern noch völlig unklar. Ein tragischer, nicht vorhersehbarer Unfall meinen die Verantwortlichen der Betreiberfirma Tepco. Doch ganz so unwissend waren diese nicht: Ein Bericht der japanischen Organisation für Nuklearsicherheit hatte bereits vor dem Beben voraus gesagt, dass ein Tsunami schwerwiegende Folgen für die Reaktorsicherheit haben würde. Dies war nicht die einzige Warnung, die in den Wind geschlagen worden ist.

Und wie sieht es bei uns aus?

Wir haben bereits ordentlich auf erneuerbare Energien umgestellt, aber huch, das ist echt teuer, die Stromrechnung steigt wie doof, also beim Verbraucher, die Großindustrie bekommt schicke Ermäßigungen. Ist klar, dass am Ende nur die Kleinen Opfer bringen, kennen wir aber schon und die Griechen jetzt auch. Aber dafür können wir ja bald ohne Angst leben.

Können wir? Najaaaa. Es gibt da noch die geplanten polnischen Atommeiler und wenn die hochgehen, ist das zumindest für den Osten Deutschlands (also auch für die in Berlin lebenden Hessen und Schwaben) der Obergau. Egal, bei uns müssen die weg, die Dinger. Und die Regierung hat ja auch endlich mal auf uns gehört, voll geil.

Aber jetzt kommts und weiterlesen solltest Du nur, wenn Du außer Deutschland, Mallorca und den italienischen Stiefel  auch noch andere Länder auf der Weltkarte zu indentifizieren weißt. Anderenfalls könnte Dir die Tatsache, dass die Regierung nebenbei aber den Bau eines von Umweltschützern und Experten für megagefährlich befundenen, weil schlimmer-als-Fukushima-weil-noch-weniger-gegen-Tsunamis-und-Erdrutsche-geschützt, in Brasilien unterstützt, einfach mal so am Arsch vorbeigehen. Es handelt sich hierbei um Angra 3, für dessen Bau die Bundesregierung  Im September 2011 eine Hermes-Bürgschaft zunächst um ein halbes Jahr verlängert hat. Diesen Monat entscheidet die Bundesregierung darüber, ob sie den Reaktorbau mit einer Exportbürgschaft über 1,3 Milliarden Euro unterstützt.

Ups, hier abbauen und da aufbauen? Ein Brasilianer weniger wert als ein Deutscher? Oder wie? Laß mal überlegen, ist Brasilien weiter weg als Japan? Für den Anti-Atomkraft-Hipster jedenfalls weit genug.

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