Die ICH – Generation

Ich bin ein Relikt. Aus irgendeiner Zeit, ich kann ja nicht einmal die Epoche einordnen. Oder ein Alien. Ich wundere mich unentwegt über eine Gesellschaft, welche die Worte Zurückhaltung, Benehmen und Höflichkeit nicht mehr kennt. Wie sich das anhört. Versteht mich nicht falsch, ich wähle nicht CDU und bin auch in keiner Verbindung. Im Gegenteil. Dabei komme ich mir vor, wie eine der Omis, die früher im Bus saßen, wenn wir, von der Schule kommend, eingestiegen sind. Wir waren immer höflich, haben den Alten unseren Platz angeboten, waren nie eines dieser ADS-Kinder (außer Thomas K., aber der musste von der Schule, weil er einen Stuhl nach dem Lehrer geworfen hatte). Gleichwohl beschimpften uns die Omis wüst, wir hätten keinen Respekt vor den Älteren, seien laut, unverschämt, bla bla. Die konnten froh sei, das Heute nicht mehr miterleben zu müssen, ha! Manchmal fühle ich mich wie eine der Alten damals, samt Stock in der Hand. Es sollen einige Beispiele folgen, ich bin sicher, diese Kleinigkeiten der bodenlosen Dreistigkeit und Ignoranz fallen außer mir niemandem auf:

Wo fange ich nur an? Ah ja, gestern erst geschehen: Im Supermarkt aus dem Augenwinkel vernehmen, dass da einer zeitgleich auf die Kasse zusteuert. Er beginnt, zu rennen! Glückwunsch, 2 Minuten Zeit gespart. Und dann so tun als wäre nichts.

Eine Person kommt mir entgegen, vielleicht einen Schritt zur Seite tun? Nö. Warum denn? Keiner gibt mehr nach. Das führt zu grotesken Zusammenstößen im Alltag. Danach pöbeln. Drängeln, schubsen, Tür nicht aufhalten, nicht zurückgrüßen, dumm glotzen, laut telefonieren etc. Wasn?

Oder für irgendetwas in einer Schlange stehen? Wieso? Von der Seite stellt man sich an, oder direkt nach vorn, na und? Leute anrempeln und entschuldigen? Nö, wofür, muss doch der andere aufpassen, dass er nicht im Weg herum steht. Wild tanzen und dabei den anderen auf der Tanzfläche die Arme ins Gesicht hauen? Wie, bin ich denn nicht allein hier? Ein Auto hält und wartet für einen, schneller die Straße überqueren? Nee warum, schön doof, wenn er anhält.

Alkohol in den Club schmuggeln. Man versteckt seine Flaschen nicht einmal mehr. Offen, an der Bar lümmelnd, laut gestikulierend, hat jeder seinen Flachmann dabei und wenn er ermahnt wird, auch noch meckern.

Äußerst beliebt ist auch das Demolieren von fremdem Eigentum, man macht sich über alles her, was in der Gegend herum steht. Nicht, dass man sich am fettesten Mercedes vergreifen oder in der Yuppiedisco randalieren würde, aus Wut über die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich oder so. Das macht ja Sinn, irgendwie. Aber regieren tut höchstens Spaßwut. Am 1. Mai wird auch das lustigste, bunte, kleine Auto zerdeppert.

Dann noch, alles für lau, ein beliebter Sport, warum denn auch bezahlen? Müsste man ja jobben gehen, aber warum das, wenn man unter der Woche mit Freunden im Park abhängen kann? Gästeliste, klar. Nö, den Dj kenn ich nicht, auch sonst keinen. Aber ich habe halt kein Geld mit. Äh ja, dann vielleicht einfach in den Park gehen?

Natürlich gibt es auch immer noch normale Leute. Aber diejenigen, die höflich sind, die brav an der Tür warten, sich bedanken, niemanden nerven und trotzdem Spaß haben, die bemerkt man nicht. Immer nur die Lauten, und Unverschämten.

Meine Interessen, mein Spaß, mein Leben. Wir nehmen auf, was die Gesellschaft uns bietet, den Konsum, den grenzenlosen Spaß, der an jeder Ecke wartet, kritiklos, eigennützig, selbstverständlich. Ich sehne mich nach einem netteren Umgang miteinander, nach weniger Egoismus. Ich muss gähnen während ich mich das sagen höre, kann mir aber nicht helfen.

Nun bin ich kein Spießer, auch wenn sich das so anhört, sondern jemand, der findet, das Auskommen in einer Großstadt kann nur gesichert sein, wenn man dem Gegenüber den nötigen Respekt erweist, räumliche Distanz und ein halbwegs höflicher Umgang sind dabei sehr wichtig.

Da komme ich gleich zu den Rich Kids. Kinder reicher Eltern, die meinen, ihnen gehört die Welt. Wie die Geissens, durch Zufall oder Bauernschläue an viel Geld gekommmen und das Prollgut an die Kinder weitergeben. Die fallen dann in Mitte und Kreuzberg, ach ja und Neukölln ein, Party machen. Will heißen, saufen bis zum Umfallen, pöbeln und dann die Fotos auf Facebook hochladen. Die Mädels sind alle irgendwie am Modeln, die Jungs schämen sich nicht, mit blauen Hemden und Papas Wagen, nach Kreuzberg zu kommen. Hier lärmen sie rum, benehmen sich wie die Säue, Spaß um jeden Preis. Bescheidenheit, ein Fremdwort. Sie wachsen in dem Glauben auf, dass sie alles haben können, sie müssen es sich nur nehmen. Schlaraffenland des Egoismus. Und was kommt am Ende dabei heraus? Asoziale.

Man kann es sich natürlich sehr einfach machen, alles auf die ganz Jungen schieben, ein Phänomen der Jugend. Dazu will ich nur sagen, die Mittvierziger in meinem Bezirk haben alle kürzlich Kinder geworfen und stehen der Jugend in Rücksichtslosigkeit nicht nach. Gören rennen dir vor die Füße und bewerfen dich mit Sand, die Eltern denken nicht daran, ihr Kind zurückzupfeifen. Die Mamas wickeln ihre Babys im Pizzaladen, die Margharita bleibt mir im Hals stecken als ich die Babykacke sehe und rieche. Ich stöhne laut auf, die Glucke schaut mich mit dem „war was?“-Blick an. Ich will ihr die Windel in den Hals stopfen, mitsamt der Kacke.

Meine Hoffnung ist, dass die darauffolgenden Generationen die Rücksicht wiederentdecken, so als Modeerscheinung. Plötzlich wäre man out, wenn man dem Nachfolgenden nicht die Tür aufhält oder höflich zur Seite tritt. Man würde sich aufmerksam entschuldigen, wenn man jemandem in einer Bar auf den Fuß latscht und ohne Murren einen neuen Drink besorgen, wenn man versehentlich den eines anderen auskippt. Würde sich das durchsetzen, wäre ich irgendwann die pöbelnde Tante, die sich daneben benimmt! Das würde mir gefallen. Bis dahin bin ich der Mode einfach voraus.

6 Comments

  1. Sheinwelt sagt:

    Die ICH-Generation ist nicht zuletzt das Produkt unserer digitalisierten Gesellschaft – die Digitale Revolution lässt grüßen. In der mehr und mehr Aufgaben von Computern übernommen und sich die Zeiten in denen sie gelöst werden rasant verkürzen. Folglich steigert sich das Tempo in dem wir Dinge erleben, wie die draus resultierenden Informationen die es zu verarbeiten gilt. Der uns individuell zur Verfügung stehende Arbeitsspeicher reicht nicht. Wir selektieren, um einen Kurzschluss zu vermeiden. Leider ist es meist das Mitgefühl mit seinen Moral- und Wertvorstellung auf das der Einzelkämpfer verzichtet. Eine Jugendkultur des Egoismus wird nun die Gesellschaftsform von morgen. Aber ist doch das Miteinander die Basis einer gemeinwohlorientierten Gesellschaft in der wir doch leben wollen! Wir sollten uns mehr Zeit und dem zwischenmenschlichen mehr Raum gegeben, so dass Mitgefühl und Solidarität anstatt von Egoismus und Isolierung die überhand gewinnen.

  2. Ebru sagt:

    Eine tolle Modeerscheinung, es muss nur der innere Wille da sein und dann umgesetzt werden. Oder für diejenigen mit bescheidenem Herz Rücksichtsübungen antrainieren.

  3. alex sagt:

    wie an laut gestikuliert würde ich ja gerne mal sehen…

  4. Suzanne sagt:

    Nun, wer sagt Dir, dass ich nicht meine ehemaligen Mitschüler beschrieben habe? Sozialneid existiert, aber nur weil ich darüber schreibe, heisst das ja nicht zwangsläufig, dass er in mir existiert. Darum geht es doch beim Schreiben. Verschiedene Blickwinkel darzustellen.

  5. Achim sagt:

    Mit dir möchte ich mal eine Odyssee machen. EIne Odyssee durch die von dir beschriebenen Egoshooterwelten. Mit List und Tücke bringen wir die Lautpöpler,die Antibenimmfraktionen und die kleinhirnige Arroganz auf den Boden der Relativitäten zurück 🙂

  6. meltem sagt:

    Guter Text, gut beobachtet, bloß der in unserer Gesellschaft tief verankerte Sozialneid liest sich in dem kleinen Abschnitt ein wenig heraus. Welchen Typ Mensch du meinst, ist klar, aber man darf selbst Menschen, die reich geboren sind, nicht diskriminieren. 😉

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