Currywurst und Wasserbahn

Resignation

Is‘ das too much? Ich stelle mein frischgezaptes Bier auf den Boden, um mein Outfit zu richten. Meine Mutter hat mir letztes Jahr zu Ostern Socken mit Hanfmotiv geschenkt. Ich ziehe sie ganz hoch. Die habe ich extra für diesen Anlass angezogen. Aus dem Augenwinkel beobachte ich eine Frau mit vier Kindern, die an mir vorbeigeht. Style-technisch könnte Vicky Pollard ihre große Schwester sein. Dann noch die Kauleiste von Horst Schlämmer und die Frisur von Günter Netzer, so könnte sie als 2. Triangel bei The Notwist einsteigen.

Zwei Stunden zuvor: Ich sitze auf der Rückbank eines Geländewagens auf der A1 Richtung Köln. Erklärtes Ziel: Brühl. Ortskundige können an dieser Stelle bereits erahnen, wo die Reise hingeht. Kleiner Tipp: Es geht nicht ins Steuermuseum. Während ich so ganz gemütlich mit 200 Sachen durchs Ruhrtal gefahren werde, überlege ich, wann ich das letzte mal in einem Freizeitpark war. Fünf, sechs Jahre ist das bestimmt schon her. Im Radio läuft übrigens ‚Bochum‘ von Herbert Grönemeyer. Ein Lied, bei dem ich normalerweise Durchfall bekommen würde. Aber wenn man im Ruhrgebiet ist, bekommt man gleich so ein ganz spezielles Gefühl: Ich spüre den Ruß von Kohle auf meinem Gesicht, den Geruch einer dampfenden Mantaplatte in meiner Nase und frischgezapftes DAB fließt durch meine Venen.

Phantasialand

11.00: So, endlich angekommen. Ich stehe vor dem Eingang zur Themenwelt ‚China Town‘. Phantasialand lese ich ehrlich gesagt nirgendwo. An der Autobahnausfahrt war das letzte Schild. Besonders einladend wirkt das ganze noch nicht. Mir zugewand sind die Rückseiten der Themengebäude. Alles is‘ so china-mäßig rot angemalt, überall hängen Lampignons und die Pagodendächer sind goldverziert. Es sieht aus, wie ein riesiges billo Asia-Restaurant. Ich taufe es Lotusblüte.

Eine halbe Stunde später: Ich hätte fast gekotzt. Hab mich aber grad noch zusammenreißen können. Keine Ahnung, mit was ich da grad „gefahren“ bin. Man saß sich in einer Halle auf zwei Bänken gegenüber. Dann haben die Bänke angefangen sich so schiffschaukelartig zu bewegen und gleichzeitig drehten sich die Wände um einen herum. Drogenflashback: Mein erstes Mal LSD hat sich ganz ähnlich angefühlt. Da saß ich mit ’nem Kumpel vier Stunden in meiner Badewanne. Wir dachten, wir wären zwei schwule Piraten auf Schatzsuche durch ein rosa-pink glitzerndes Meer. Memo an mich selbst: Sommerurlaub auf Mykonos buchen.

Genau in diesem Moment, laufe ich wohl an dem verwirrendesten Maskottchen vorbei, das ich je gesehen habe. I have no words! Dem Blick nach zu urteilen, handelt es sich um den längst verschollenen Zwillingsbruder von Jean-Paul Sartre.

Gruselig2

Zur Belohnung für den verhinderten Brechanfall gab’s die heilige, kulinarische Dreifaltigkeit des Phantasialands: Currwurst, Kippe, Bier. An dieser Stelle gibt’s ein Leckerli für alle Verfechter der ‚political correctness‘: Das Phantasialand ist ein Paradebeispiel für kultivierten Rassismus. In jedem Themenbereich (Afrika, Mexico, Asien) arbeiten nur Menschen mit der zugehörigen Ethnie bzw. Hautfarbe (oder zumindest solche, die halbwegs danach aussehen). Und zwar durch die Bank weg: Vom Kettenbremser bis zur Klofrau. Hauptsache die rheinische Durschnittsfamilie fühlt sich wie auf Antilopenjagd in der Serengeti. Aber keine Angst: Auch in ‚Deep in Africa‘ bekommt jeder seine Pommes Spezial mit Zwiebel.

Wasserbahn2

13.00: Ich bin klatschnass. Ich hab‘ mal nen Bukkake-Porno gesehen, bei dem ein Typ von 28 Schwänzen angespritzt worden ist. So nass war ich ungefähr auch. Das sind diese Momente im Leben, in denen ich es nicht bereue mein Theologiestudium abgebrochen zu haben. So krass ungöttlich kann einfach niemand behandelt werden. Ich hatte das große Glück in der Wasserbahn ausgerechnet den Platz (von neun!) zu erwischen, auf dem man so alles abgekommt. Ich fühle mich, als hätte man mir den Inhalt einer Fußballstadionstoilette über meinem Körper ausgekippt. Gut, dass ich die Currywurst vorher gegessen habe. Beim Anblick dieser Plörre ist mir der Appetit igrendwie vergangen …

14.30: Nach zwei weiteren halsbrecherischen Fahrten, komme ich endlich an. So mega halsbrecherisch waren die eigentlich nicht. Aber ich hab zu oft Final Destination 3 geguckt – das prägt und schädigt. Ja, meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen nun das wohl realistischste Abbild unserer schönen Hauptstadt, das Sie je gesehen haben: Der Themenbereich ‚Berlin‘.

Berlin mit 2mal Turm

Ich kann nicht mehr. Innerlich zerreißt es mein Zwerchfell in tausend Stücke. Ich fühle mich regelrecht verarscht und persönlich beleidigt. So langsam verstehe ich, warum meine Mutter Freizeitparks immer assi fand. Kulturschovinismus aller erster Güte. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum mich das mega-mäßig aufregt. Ich bin schließlich in einem fucking Freizeitpark. Aber wer auch immer diesen ganzen Kram designt hat, kann nie vorher in Berlin gewesen sein. Der hat noch nicht mal ein Foto gesehen. Da wurde sich noch nicht einmal Mühe gegeben. In meinem Kopf vergleiche ich das mit der Willkürlichkeit des Kolonialimus: „Liebe Bewohner von Süd-West-Dingens-Afrika. Scheißegal, aber wir machen aus dem ganzen Bums jetzt eine überregional erweiteterte Fußgängerzone der Stadt Dinslaken.“

16.00: Erschöpft von so viel unwirklicher Wirklichkeit, setze ich mich hin. Wo ich nur hinschaue: Menschen, die mir per se schon so richtig auf den Sack gehen. Ich stecke mir eine Zigarette an und plane schonmal in meinem Kopf durch, wann ich das nächste Mal wiederkomme. Für einen Kleinkoleriker wie mich, ist das der ideale Ort zum Abschalten.

Saufen im Pontiland

One Comments

  1. nicolai sagt:

    ich finde den berlinteil gelungen.
    die strassenlaterne passt. der historisierende gruenderzeitplatrekitsch. die peinlichen saeulen. die anleihen an das antike rom. es ist eigentlich ziemlich nah am original. alles sehr schinkel. vielleicht fehlen ein paar goetterstatuen.
    und mit den abgerockten mietskasernen und den nachkrieglich vom stuck befreiten altbauten kann man in einem park schliesslich wenig anfangen. die gebaeude der moderne waeren noch schoen gewesen, aber wer schinkel mag, wird die nicht zeigen wollen.
    natuerlich muss man sich auch ein bisschen muehe geben, wenn man durch das echte berlin laeuft, um das dann wiederzuerkennen.

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