Hangover Diaries: Montagsoutfit

Roter Mantel

Wie Pisse plattscht mir der Regen an diesem Morgen ins Gesicht. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit – fühlt sich momentan eher an, wie ein langer,
quälender Marsch ins russische Arbeitslager. Ich besitze das verquere Talent immer was Unpassendes anzuziehen: Voller Vorfreude und Enthusiasmus auf den Sommer, krame ich Ende Februar bereits mein kurzes Sporthöschen raus. Dann stelle ich fest, dass Sonnenschein nicht gleich karibische Sommertemperaturen bedeutet und mir frier’n bei sechs Grad die Kniegelenke ein. Aber hey, die Sonne scheint ja.

Heute mal das umgedrehte Spiel: Ende April, Temperaturen im zweistelligen Bereich und ein bewölkter Himmel. Ganz klar, dass da der dicke Wintermantel rüber muss. Anstatt blöd aus dem Fenster zu gucken und im Kopf meine Wintergaderobe durchzugehen, hätte mir ein Blick in den Wetterbericht Klarheit verschaffen können. Aber wer kann montags vor der Arbeit schon klar geradeaus denken?

Alles zwackt und zwickt. Ich merke, wie mir langsam die Boxerbrief in die Ritze rutscht. Kann mal bitte jemand erklären, wie man das unauffällig in der Bahn korrigieren soll?

Schweiß und Regen ergeben ein geruchliches Meisterwerk. So richtig abartig angenässt trappe ich bei rot über die Kreuzung. Beim Latschen über die Ampel erkenne ich, dass ich nicht der Einzige mit einer bescheuerten Klamottenwahl bin. Neben mir läuft ein Alternative-Öko-Singer-Songwriter-Hippie aller erster Güte: Muffige Dreadlocks, schief rasiert, Jesushemdchen, zerissene Cordhose, kaputte Sandalen und ein übergroßer Juterucksack, der bis unter’n Arsch hängt. Der will bestimmt zur Aufsichtsratssitzung.

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Endlich komme ich im Büro im siebten Stock an. Das Treppensteigen hat sich angefühlt, wie der Aufstieg zum Basecamp des Mount Everest. Naja gut, wie der Aufstieg zum Stemweder Berg. Und mit gefühlten fünf atü im Blut, macht das die Sache richtig lustig. An meinem Schreibtisch drücke ich auf den speckigen On-Kopf meines Rechners. Mein Finger rutscht fast ab. Das Schöne an großen co-work-spaces ist nicht nur, dass man während der Kippenpause jemanden zum Quatschen hat. Nein, man kann sich auch an jeder Ecke Hepatitis C und Tetanus einfangen, weil irgendso ein Volldepp-Vorgänger mit seinen schmierigen Wichsgriffeln sämtliche Büromaterialien vollkeimt. Wäh!

Viertel vor Zehn: Geil. Schon fast ne ganze Stunde um, ohne was getan zu haben. Das ist Rekord! Mit pseudo-stolzem Grinsen, schaue ich mich um. Ich kann sie gefühlte zehn Kilometer gegen Wind riechen. Diejenigen, für die der Montagmorgen im Büro ein regelrechter Spießrutenlauf ist: Vermummt in Schals, verkniffene, rotunterlaufene Augen, geduckte Körperhaltung und so ein leicht humpeliges Glöckner-von-Notre-Dame-mäßiges Rumgeschleiche. Das lässt einen aussehen wie Anatevka auf der Flucht. Und versprüht nur wenig von der Leichtigkeit eines Harry Potter Tarnnumhangs. Man entwickelt so seine Fähigkeiten beim nächtlichen Engtanz in diesen Nachtklubs.

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Am Tisch gegenüber sitzt eine Frau. Die ist vielleicht so Mitte Dreißig. Sie arbeitet für einen großen Video-On-Demand-Anbieter. Immer wieder bemerke ich, wie ihr beim Beantworten der Kundenemails vor Müdigkeit der Kopf nach vorn wegknickt. Sie verfällt dann für einen Bruchteil in ein ganz kurzes Nickerchen. Beim elften Mal deppert sie dann volle Kanne mit der Birne auf die Glastischplatte. Ein lautes Klirren läst jeden im Raum aufschrecken. Oder zumindest ungewollt einen kleinen Furz der Entrüstung entfahren. Ich muss bei dem Geräusch an die Paarbeckenspieler der Berliner Philharmoniker denken. Und an Opa Hoppenstedt. Ich stelle mir vor, wie ein wütender Dirigent ihren Kopf immer wieder zum Takt der Musik auf den Tisch haut. Zur Bestrafung, weil sie die Excel-Listen nicht schnell genug bearbeitet. Knallharte Arbeitswelt.

“Na Schätzchen: Wie viel? Siehst ja richtig scharf aus.”

Ich wirbele herum.

“Bist du schon wieder auf dem Sprung? Oder is dir einfach nur arschkalt?”

Mein Kollege mustert mich fragend von oben bis unten.

“Ne … Wieso?!”

Ich erwidere seine Frage etwas zu schnippisch. Dabei ziehe ich das ‘o’ von ‘wieso’ sehr lang. Da ich eh schon dolle nasal spreche und damit klinge, als wär ein Hardcore-Allergiker volley mit dem Riechorgan durch Bundesgartenschau gewetzt, macht es ganze noch schwuler.

‘Neee … WiesSOOOOO?!’ – In meinem Kopf wiederhole ich die Antwort. Oh, das klang scheiße. Egal!

Wieder so dämlich Robo-Cop-mäßig, mustert mich mein Kollege. Damit deutet er, dass ich selbst an mir herunterschauen soll. Auahauaha. Im vorbeigehen am Spiegel erkenne ich die bahnbrechende Ähnlichkeit mit Hillary Clinton. Es fehlt nur noch die einbetonierte Fönfrisur. Ich hänge den knallroten, auf Taille geschnittenen Zweireher meiner Schwester auf die Garderobe. Die pennt nie wieder bei mir …

 

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