Hangover Diaries II/2

Post Easter Cover

Wie hypnotisiert starre ich auf die Kaffeemaschine in der Personalküche. Von meinem Schreibtisch im Großraumbüro aus, sind das gut zehn Meter bis zur Küche. Ich kneife meine Augen ganz feste zusammen, dass ich was erkennen kann. Irgendein Arsch hat die Kanne mitgenommen. Wie brauner Regen fallen die Tropfen aus dem Kannen-Kontakt-Dingens raus und verbrennen auf der Warmhalteplatte. Die pure Ablenkung. Grad läuft übrigens so’n Typ aus ’ner andern Abteilung an der Personalküche vorbei, den ich im Berghain gesehen hab‘. Witzig. Wen man alles so auf der Arbeit trifft.

Prokrastination, hallo!

In den letzten zehn Minuten dröppelte durschnittlich alle 2,36 Sekunden ein Tropfen Kaffee aus der Maschine. Ich hab‘ die Zeit gestoppt und dann den Durschnitt ermittelt. Nimm‘ das, Frau Gassenphul! Der Leser kann sich denken, meine Mathelehrerin, die mich leider spätestens in der zehnten Klasse aufgebenen hatte. Egal, für’s Abi hat’s gereicht. Mut zur Hässlichkeit, Laurenz. Sieht wieder rattenscharf aus, wie du da hängst. In meinem Kinn ist bestimmt schon voll die Beule, weil ich es seit gefühlten Stunden auf dem Bildschirmrand abgestützt habe. Mindestlohn ist eben keine wirkliche Motivation im Nebenjob. Immer noch in die Küche starrend, schäl‘ ich mir eins von diesen popeligen Billo-Schokoeiern aus der Aluverpackung und schiebe es mir in aller feinster Rainer-Kalmund-Manier in den Mund. Wohl bekomm’s.

Nach einer Woche fühl‘ mich endlich in der Lage den ganzen Oster-Bums reflektiert zu verarbeiten. ‚Is ja auch ’ne ganze Menge passiert. Ungewollt viel. Ich nehm‘ mir das immer so doll vor, nichts oder wenig zu machen. Aber ich hab‘ echt kaum Selbstdisziplin. Grad schießt mir übrigens ’ne Textzeile von Materia durch den Kopf: „Keiner hat mehr Bock auf Saufen, Kiffen, Feiern“. Lass‘ mich kurz überlegen: Nö, stimmt so nicht!

Meine Planvorstellung für das Osterwochenende sah eigentlich so aus, dass ich so ganz gemütlich zuhause bin, was trinke, einem Tänzchen sicher nicht ganz abgeneigt (einmal Kotzen hätte ich mir als feiertägliche Alkoholüberdosierung verziehen) und/oder Käffchen trinken gehe. Diesen ganzen Quatsch halt, den man sich so lehrbuchmäßig vornimmt und niemals einhält.

Wüstenwichse

Ok, das war der Plan! Die Realität gestaltete sich etwas anders:

Aus ‚was trinken‘ wurde eine zwölfstündige Kollektiv Pre- und Afterhour mit Besuch aus Köln. Mit anschließendem Spontanbesuch von Mutti. Super Sache – nicht! Aus ‚einem Tänzchen‘ wurde ’14 Stunden Auf-die-Fresse-Techno im Berghain‘, serviert mit ein bis sechs Liter Jägermeister und Doppelkorn. Wäh! Diese Schnapskombo nannte meine Punker-Mitschülerin aus der Mittelstufe übrigens ‚Wüstenwichse‘.

Willenskraft gegen Magenssaft: Eins zu null!

Am nächsten Tag wurde aus ‚Käffchen trinken‘ tatsächlich auch ein Osterbrunch, allerdings bin ich danach volley ins ‚Sisyphos‘ und mega-mäßig durchzerrt nach Hause. So sehr verzerrt, dass ich versucht habe den Taxifahrer erst meinem Studentenausweis und dann mit meinem Perso zu bezahlen. Letzteres hat er mir glaub ich sehr übel genommen. Oder gibt’s ’nen deutschsprachigen Nachnamen ‚Grygorowytsh‘?

Memo an mich selbst: Ich werde versuchen, nie wieder Witzchen wie ‚Eiersuche‚, ‚bei den Eiern haben‚ und ‚auf die Eier gehen‘ zumachen. Das kommt auf meine rote Liste der peinlichen Sachen. Gleich unter Trinksprüche à la ‚Zur Mitte zur Titte, zum Sack, Zack Zack‚, „Atemlos“ von Helene Fischer singen und im Club die Hose ausziehen. Wenigstens habe ich diesmal nicht gekübelt.

Gedankenverstohlen nippe ich an meiner Kaffeetasse und bemerke, dass sie leer ist. Ich schaue nach rechts auf meinen Schreibtisch: Kein Grund aufzustehen – die Kanne ‚is noch ja halbvoll und dröppelt vor sich hin. genau wie ich.

 

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