Generation der Gestörten

smartphones

Das Leben verrinnt während wir auf unser Smartphone schauen. Ist das so? Wir sind Social Media Junkies, die Industrie verdient ein Schweinegeld mit uns, der Staat lacht, weil er alle nötigen Informationen über uns sammeln darf. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es früher war. Mit 14 gab es zwei bis drei Orte, wo der süße Junge aus der Schule hätte abhängen können. Die ist man entweder abgegrast bis man ihn gefunden hatte oder man hatte halt Pech. Man ist irgendwohin, ohne vorher zu wissen, was los sein würde und wieviele Leute da sein würden. War das besser? Oder einfach unpraktisch?

Apps und Sojamilch

Haben wir gewonnen, Zeit und Wissen oder haben wir verloren? Wenn ja was? Unsere Privatssphäre, überrascht zu werden, jegliche Unvorhersehbarkeiten? Wenn jemand ein Foto von einer mittelmäßig gefüllten Party postet, gehen wir nicht hin. Vielleicht hätten wir dort aber den Menschen unseres Lebens getroffen oder noch sehr viel Spaß gehabt. Möglicherweise hat das Cafe keine Sojamilch, dafür aber eine gute Bedienung. Probieren wir jetzt weniger aus oder vielleicht mehr, weil Apps uns alles mögliche vorschlagen und unsere Freunde überall zu sein scheinen? Was haben wir früher mit der Zeit angefangen, die wir jetzt auf Facebook und Co verbringen? Waren wir draußen, war unser Zimmer sauberer, haben wir gelesen?

Generation der Gestörten

Letztens beim Family Geburtstag: Der Graben zwischen den Generationen zog sich wie eine tiefe imaginäre Gletscherspalte quer durch den Raum. Während die Älteren sich darüber aufregten, dass die Jüngeren nur noch auf ihre Handys schauen, schaute alles unter 40 nur auf die Handys. Das heisst, alle unter 20 schauten wirklich nur auf die Handys während die mittlere Generation sich zumindest noch gegenseitig etwas darauf zeigte, Fotos und Apps und so. Das führte zu der grotestken Situation, dass sich nur die eine Hälfte der Familie miteinander unterhielt während die andere stillschweigend mit dem Smartphone beschäftigt war und versuchte, die steigende Wut der alten Garde zu ignorieren. Meine Mutter fasste schließlich zusammen: Wir leben in einer Generation von Gestörten. Meine Oma hat den ganzen Sonntag nicht mit mir geredet weil ich es gewagt habe während des Essens doch noch einmal kurz auf mein Smartphone zu schauen. Dabei war die Information, die ich googlete nur die Antwort auf eine Frage, die im Gespräch vorher aufkam. Zwecklos das meiner Oma erklären zu wollen. Sie verstehen es nicht, die Alten und mal ehrlich: Wir sind auch alle bescheuert.

Smartphones, die kleinen Helfer des Teufels

Habt ihr mal versucht über mehrer Stunden, ach Minuten, nicht auf eure Handys zu schauen, obwohl ihr euch gerade irgendwo langweilt? Es geht nicht, funktioniert nicht. Das Smartphone ist wie ein Magnet, der in der Tasche ruckelt und eine unwiderstehliche Anziehung auf deine Finger herstellt. Oder wie der Ring aus Herr der Ringe, abgrundtief böse, aber doch so schön und man will nur mal kurz anfassen. Gibt es noch schöne Momente zu geniessen, an die man sich nacher einfach so mit im Kopf gespeicherten Informationen erinnern kann? Immer wenn etwas schön, cool oder lustig ist wird sofort das Phone gezückt, um es zu fotografieren, und dann auf Instagram oder sonstwo zu veröffentlichen. Wie oft wird man von Jugendlichen angerempelt weil die auf ihr Smartphone glotzen anstatt nach vorn, während des Laufens. Wie oft rempeln wir Leute an und murmeln ein Dauersorry ohe hochzuschauen, weil wir damit beschäftigt sind, irgendetwas auf dem Smartphone abzuchecken.

Nachschub in Form einer Sinnflut von Apps sorgt dafür, dass wir auch in jeder Situation einen Grund haben, das Smartphone zu benutzen. Dinge, die vorher irgendwie gingen, sind unvorstellbar ohne die Unterstützung der mobilen kleinen Helfer. Wir suchen den Laden um die Ecke, müssen vorher schnell den kürzesten Weg raussuchen, unterwegs abchecken, ob wir noch richtig laufen. Sind wir in dem Nerdcafe, in dem niemand ohne Notebook sitzt? Müssen wir posten, mit Ortung, weil es so nerdig ist und weil wir doch da sonst nie sind. Und bevor wir irgendwo umsonst hingehen schauen wir doch lieber erst einmal, ob auch die Leute da sind, die wir sehen wollen oder ob die da Pfeffi oder Sojamilch haben.

Erreichbarkeit auf allen Kanälen

Wir sind über Facebook besser erreichbar als über eine simple Sms. Zum Beispiel schreibe ich jemandem eine Sms und erhalte stundenlang keine Antwort. Dann sehe ich auf Facebook, dass die Antwort auf meine Frage aus der Sms als Facebook Comment auf einen von mir geposteten Status kam. Sind wir alle verrückt? Das alles macht ja leider auch irgendwie Spaß! Man ist immer beschäftigt und es ist wirklich praktisch ist, zu wissen, ob ich einen Geschäft umsonst ansteuere oder vorher weiß, ob ich das finden werde, was ich suche. Und ich finde es super, die Fotos meiner Freunde zu sehen, und den Spaß den wir hatten dokumentiert zu wissen. Und hey, ich habe bereits mit meiner Privatssphäre abgeschlossen, ihr etwa nicht? Nein, nicht wirklich, aber ich mache mir darüber auch keine Illusionen.

Was war früher besser und wer weiß das noch? Sollten wir beim Essen einen Eisenhelm über unsere Tasche stellen, damit der mobile Magnet gestört ist? Wenigstens zum Essen mit der Oma könnten wir das tun, nicht wahr?

suzanne tagged this post with: , , , Read 360 articles by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


RANDOM FAVOURITES
Techno in den 90ern verpasst?
Für all diejenigen, die den großartigen Bericht über die Anfänge von Techno in Berlin nach dem Mauerfall auf Arte am Sonntag verpasst haben, gibt es hier noch einmal den...
(more)

Ben Dahlhaus – Model und Gott
Kennt ihr schon Ben Dahlhaus? Das ist der neue schönste Mann der Welt. Er modelt seit 24 Jahren. Ich meine, man muss sie schon mögen, diese Bärte. Die meisten...
(more)

Berghain DJ Ben Klock unboiled
Wie gut ist das bitte !? Ben Klock seinerseits allseits beliebter Berghain DJ, hatte die Ehre vor einiger Zeit im BoilerRoom samt kamerageiler Crowd zu performen. Nicht dass ...
(more)

SHAMBO ON FACEBOOK


DIARIES
Vom System gefickt
Der moderne Mensch muss sich ja mit allerlei Scheiße auseinandersetzen. Arbeit, Freizeitgestaltung, Freundschaften, das ewige Problem des Über-die-eigenen-Verlältnisse-lebens oder eben Beziehungen. Mit Letzterem beschäftigen wir uns alle ja besonders gerne.
(more)
Stoppt die Toyboy-Diskriminierung!
Unsere Gastautorin Sophia bloggt auf ihrem Personality-Blog Oh Sophia. Für uns hat sie sich eines Themas angenommen, das eine stetig wachsende Zahl von Frauen betrifft. Auch sie hat damit persönliche Erfahrungen gemacht.
(more)
Die Ich - Generation
Ich bin ein Relikt. Aus irgendeiner Zeit, ich kann ja nicht einmal die Epoche einordnen. Oder ein Alien. Ich wundere mich unentwegt über eine Gesellschaft, welche die Worte Zurückhaltung, Benehmen und Höflichkeit nicht mehr kennt.
(more)

HOT MUSIC VIDEOS
Sia – Elastic Heart feat. Shia LaBeouf
Im Sommer haben wir Sias Chandelier zum Song und Video des Jahres ernannt. Wer schon das Video zu Chandelier mit Kindtänzerin Maggie Ziegler psycho...
(more)

PHOTOS
नमस्ते, Kuh und Hakenkreuz
Indien ist mehr Reise als Urlaub. Das Land, seine Menschen und ihre Braeuche kennen lernen. So viele Eindruecke, dass wir sie jetzt noch verarbeiten. Januar-Februar-Maerz, gern mal als die schlimmste Zeit des Berliner Jahres gesehen, schreit foermlich danach, das Weite zu suchen.
(more)
A Boiling Room: Photos
Boiler Room at Stattbad Berlin Wedding last evening was the shit. Modeselektor burned the house with a bassline so loud, the police showed up: switching like mad from one style to another, giving people the climax with a late 90s smasher.
(more)
DJ Hell is everywhere man!
Das war ein Abend vor zwei Wochen. Patrick Mohr Shop Opening und Boiler Room und überall war dieser Dj Hell. Wir haben uns ganz schön bedrängt gefühlt, er hängte sich praktisch an uns und folgte uns von Mitte bis in den Wedding zum Stattbad. Das war echt gruselig.
(more)

VIDEOS
Ghost in the Elevator
Do you know that new I-scare-the-shit-out-of-you video Ghost in the Elevator.
Mean, meaner, the meanest!

Don’t do that to your friends, just don’t!
(more)
Facebook ist ein Drecksverein!
Das wissen wir ja bereits seit einer Weile. So schnell wie wir MySpace verrätermäßig den Rücken gekehrt haben, konnte zwar keiner gucken. Hat sich aber gelegt die Begeisterung, entblöste Daten, geleakte Privatnachrichten, Veröffentlichung privater Fotos.
(more)