Review Greenville Festival

Iggy-Pop-God

Das Greenville Festival ist nicht ganz so gelaufen, wie man sich gewünscht hätte. Man munkelt von leeren Flächen und Akkreditierungsproblemen.

Fairerweise erwähnt werden muss hier aber, dass es der Auftakt für das Greenville gewesen ist und, sollte das Festival noch einmal stattfinden, alles nur besser werden kann. Die Ansätze waren sicher gut, der Mainact Iggy Pop großartig. Gern hätten wir Euch auch ein großartiges Interview mit einer großartigen Band geboten, aber bei der Vergabe hat es an irgendeiner Stelle gehakt. In allerletzter Minute dann doch die Interviewmöglichkeit mit einer Band, die den unheimlichen Namen Kellermenschen trägt. Darüber hinaus mit Selig, von denen wir gar nicht wussten, dass sie überhaupt noch existieren. Nach Googelung der Kellermenschen bedankten wir uns freundlich aber verneinend, passen eher nicht so zum Blog, genau wie Selig, aber kein Ding. Ich persönlich kann mich jedoch nicht beklagen, ich habe am Festivalfreitag trotz eines viel zu leisen Konzerts einen Ganzkörperhöhepunkt bei Gogol Bordello gehabt und mich auch sonst prächtig amüsiert.

Das Gelände hat mir sehr gut gefallen, denn in unmittelbarer Nähe befanden sich eine Eselkoppel, die sich als der Tante einer Freundin gehörend herausstellte und einige Rehe, toll! Nachdem die Damen am Eingang dann endlich dank zweier Fackeln auch die Namen auf der Liste erkennen konnten, sollte es auch schon losgehen. Endlich mal die Chance, seinen Lieblingsact von der ersten Reihe aus zu sehen, wann hat man so etwas schon einmal? Auch der alternative Charakter des Festivals kam gut an, alles sehr übersichtlich und stressfrei. Ich geh mal schnell durch: Flaming Lips (schöööön), Cro (gar nicht gesehen), Deichkind (geile Show), Dizzie Rascal (witzig, aber warum diese Techno-Tunes), Scooter (zum Glück verpasst) Turbonegro (ziemlich geil) etc. und komme gleich zu Iggy Pop and the Stooges.

Iggy Pop – Gott in Menschgestalt

Iggy Pop auf der Bühne, das ist mehr als nur ein gealterter Rocker, das ist eine lebende Legende, sprichwörtlich zum Greifen nah. Ich muss hier erwähnen, dass ich den Iggy im Alter von zarten 14 Jahren schon einmal live gesehen habe, ohne mir im klaren zu sein, was für ein Übersänger da wie ein verrückt gewordenes Äffchen auf der Bühne umher geklettert ist. Geahnt habe ich es.  Nun hat er aber leider angesichts seiner Extrem – Verbiegungen im Laufe der Jahre einen Hüftschaden bekommen, ist aber dafür am Sonntag beim Greenville Festival immer noch abgegangen wie Schmittz Katze. Neben einer formidabel gut erhaltenen Stimme ist Iggy Pop aber vor allem eine Geisterscheinung, etwas Unwirkliches, obwohl derart körperlich präsent. Iggy braucht, anders als zum Beispiel die Stones, keine pompöse Bühnenshow, keine Backgroundsänger, nur seine Stooges. Seine Erscheinung ausgezehrt, faltig wie eh und je, und immens gealtert, aber das ist okay. Das Unwirkliche an ihm ist das Allumfassende, der Geist der Jahre, wie der Geist im Fernet Branca. Iggy hat alles erlebt, hat alles überlebt, die Drogen, die Branche, den Ruhm, das Fallen Gelassen Werden, Trauer, Schmerz, Liebe, Ausschweifungen, die Frauen und die Männer. Und er scheint zufrieden damit. Und ständig redet er von seinem Cock. Ein Interview mit ihm haben wir natürlich nicht bekommen, ganz anmaßend wage ich aber zu behaupten: es wäre großartig geworden.

Imaginäres Interview mit Iggy Pop

Ich möchte ihn fragen, Iggy, was hast du alles gesehen, man, was hast Du alles gesehen? Wie erträgst du die Tatsache, dass es viele Menschen und Weggefährten aus den alten Zeiten gar nicht mehr gibt? Wie hast du es geschafft, wieder aufzustehen, nachdem du von der Klippe des Lebens gestürzt bist, wie erträgst du die Verlogenheit des Business schon so lange Zeit, welches Jahrzehnt ist mit den schönsten Erinnerungen verbunden, was würdest du gern noch einmal erleben, was um Himmels Willen würdest du vielleicht gern anders machen, und lüg uns jetzt nichts vor Iggy, denn dieses ich bereue nichts ist Selbstbeschiss, welche deiner Entscheidungen bereust du, welchen Menschen wärest du am liebsten nie begegnet und an welchen Orten hättest du dich nie aufhalten sollen? Wer war der größte Musiker, wer, was sagst du über das Business, was sagst du deinen jahrelangen Fans, warum hattest Du nie etwas mit Uschi Obermaier, was einem 20jährigen, was sollte er immer tun und was auf gar keinen Fall? Hast du während der 80er Präservative benutzt und wie war das als AIDS aufkam? Erzähl schon. Was waren die entscheidenden Momente in Deinem Leben, wer deine große Liebe, was war der größte Schmerz, der ärgste Fehler, die intensivste Zeit? Iggy, nun sag schon. Verdammt. Warum hast du Passenger nicht gespielt, hm, gehts dir auf den Sack? Iggy, bitte leb noch weitere 25 Jahre, okay, das Interview mach ich noch, ich schwörs Dir.

 

6 Comments

  1. Suzanne sagt:

    Naja, wie mans nimmt. Man liest das doch so oft. In sämtlichen Biografien großer Bands und Künstler lassen die sich teuflisch über die Musikindustrie aus. Muss alles ganz schlimm sein 😉

    Danke!

  2. s.h. sagt:

    Du bist aber Teil der Musikszene, das ist Dir schon klar oder? Also wenn jemand Iggy interviewen sollte, dann Du 🙂

  3. Lisa sagt:

    muss mich echt mal anschließen, man liest so viel möchtegern-blog-schrott, aber der artikel ist super!

  4. Lana sagt:

    Meisterin der Worte, Heldin des Emotionen-Verpackens.

  5. ohsophia sagt:

    Bei so schönen Reviews brauch ich selbst gar nicht mehr auf die Festivals fahren 😉

    Schööön!

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