Technocity Berlin 1993

Bunker, Walfisch, Hardwax, E-Werk, Tresor. Wir haben wieder ein Video für Euch augegraben: frühe 90er, Berlin, Glanzzeit von Techno, Love is in the air, love is everywhere. Dazu ein paar Erinnerungen an eine der aufregendsten Zeiten Berlins, unser schönes Berlin, das damals noch gar nicht soo schön war. Graue, zerfallene Häuser in Mitte, dunkle Ecken, Abzieh-Banden in den und um die U-Bahnhöfe:

Nach der Wende

Der Drive, der war da und man konnte ihn praktisch überall spüren. Alles war neu, noch nie dagewesen, keiner wusste, wohin es gehen würde. Meine Eltern fanden es damals unglaublich aufregend, direkt nach der Wende in die Friedrichstr. zu ziehen, in eines der wenigen Wohnhäuser dort. Damals gab es da nichts, keine Geschäfte, keine Cafes, nur das Hilton Hotel war schon da, das hieß aber zu DDR-Zeiten noch anders. Dort wo jetzt die Galeries Lafayettes sind und Läden wie COS und H&M befanden sich fast nur leer stehende, verfallene Gebäude. Wenn wir Sonntags mit dem Auto Richtung Westen gefahren sind, Freunde besuchen, Richtung Zivilisation sozusagen, kamen wir vorbei an Häusern und Eingängen, an denen sich viele bunt gekleidete Leute tummelten. Aus sich öffnenden Türen klangen Laute, die wir nicht kannten. Mein Vater lachte sich kaputt über die an der Ampel stehenden Jugendlichen, die komischen Klamotten. Alles Verrückte sagte er immer. Und meine Mutter ach lass doch die Jugendlichen Party machen, ist doch schön, dass die alle so bunt gekleidet sind. Montag morgen, auf dem Weg zur Schule, kam ich an einer Bar mit zugeklebten Scheiben vorbei, da war immer noch Musik!

Was ist Rave?

Mich machte das verrückt. Was machten die da, was war das für eine Musik? Und warum Sonntag Mittag und dann auch noch Montag? Das ließ mir keine Ruhe. Also befragte ich die große Schwester eines Klassenkameraden, die mich informierte. Techno heißt diese Musik und die Leute heißen Raver und sind alle durchgeknallt, denn zu sowas könne man gar nicht tanzen. Die sind so ganz komisch und anders und sie berichtete was von Hängengebliebenen. Das fand ich ich aufregend, was war das nur, wieso war ich nicht dabei? Ich ließ mir also über die Schwester eine Kassette mit dieser Musik besorgen und saugte alles auf, was ich so über Techno finden konnte. Das war nicht viel. Man stelle sich vor, ohne Internet (war damals noch nicht so) etwas über eine Sache herauszufinden, die ganz neu war und über die niemand etwas wusste! Wie bei einem Geheimbund war das und ich wollte da rein. Ich stieß dann auf einen Radiosender, der am Wochende Abends für ein paar Stunden eben solche Musik spielte. Hab ich heimlich im Bett gehört, Papi hats verboten. Ist doch keine Musik der Quatsch, nur Verrückte hören so etwas. Ja eben! Und die waren jetzt alle irgendwo um die Ecke und ich lag hier zu Hause im Bett. Das ging doch nicht so!

E-Werk und Tresor

Schließlich fand ich jemanden, der auch Techno hörte und mich mit weiterer Musik versorgte. Sonntags schlich ich mich am E-Werk rum und vor dem Tresor und schaute mir die Leute an, die rauskamen. Verdammt, ich musste dahin. Was war das da so geheimes und was machten die dort mit der Musik? Hinterlistig steckte ich meine Freundin mit dem Techno-Virus an und bald war klar: wir müssen da auch hin, wir müssen schauen, was da ist, was für Leute da sind. Mutti, jetzt kann ich es ja erzählen. Ich habe damals nicht bei Tanja übernachtet und auch an Tanjas Mutti: nein, sie war auch nicht bei mir. Wir waren im Tresor. Wir hingen so lange es ging draußen rum, zogen uns dann auf der Burger-King-Toilette um, extra bunt natürlich. Allein für die Auswahl der Klamotten brauchten wir zwei Wochen Vorlauf. Was trug man denn da nur? Bunt ja, aber was? Wir beließen es bei unseren Schlaghosen, kombinierten diese aber mit pinken Girlie-Shirts und blau-weiß-gestreiften Adidas-Jacken. Und geflochtenen Zöpfen, klar. Und dann fuhren wir zu diesem Club namens E-Werk, der an der Kreuzung Wilhelmstr./Leipzigerstr., an der mein Vater sich immer kaputt gelacht hatte.

Vor zwölf Uhr sollte man da gar nicht auftauchen hatten wir gehört. Kein Problem für uns, wir waren so aufgeregt, an Müdigkeit war nicht zu denken. An der Tür dann die Ernüchterung. Wie alt seid Ihr denn bitteschön bellte die wunderschöne aber strenge Türsteherin. Könnt Ihr gleich mal wieder gehen. Wir schlichen uns beschämt an der uns belächelnden Schlange wartender Raver vorbei. Was für eine Klatsche! Umsonst der Schülerausweis aufwendig auf 16 gefälscht. Wir probierten es dann im 2 Minuten entfernt liegenden Tresor. Und dann waren wir drin. Und sahen erst einmal gar nichts. Stockduster, Nebel, zwischendurch Stroboblitze. An den Händen geklammert schlichen wir durch die Gänge, wo bitte waren wir hier gelandet? Wenn es doch mal heller wurde, erspähten wir Leute, die einfach mal viel cooler und vor allem viel älter waren als wir.

Wir schämten uns ein bißchen, wie tanzte man nun eigentlich? Erst einmal die anderen schön kopieren und dann irgendwann tanzten wir bis wir unsere Beine nicht mehr spürten und noch weiter. Und die Welt öffnete sich uns; das war also Techno! Das war ja alles noch besser als wir es uns je erträumt hatten! Und all diese Klänge, die so ganz neu waren. Und diese Energie!! Kam natürlich auch von den um uns herum konsumierten Drogen, das wussten wir aber damals noch nicht. Wozu sollte man denn Drogen nehmen bitteschön? Das war doch alles schon aufregend genug! Er hatte uns, der Techno und in der Folge schlichen wir uns so oft es ging in den Tresor und auch im E-Werk ließ man Gnade walten. Die Musik war so neu, so anders, so aufregend. Auf der Straße erkannte man seine Mitstreiter ganz genau, etwas verriet sie immer, die Raver und wir waren Mitglied im Geheimbund, der sich nur kurze Zeit später in eine kommerzielle Massenbewegung verwandeln sollte.

Scheiß auf Berghain

Das war alles noch bevor die Love Parade von mit pinken Fellen beschuhten Provinzbienen überrannt wurde. Mir tun die Teens heute ein wenig leid. Es gibt nichts neues, alles ist so normal, so unaufregend. Auch die elektronische Musik ist lahm geworden, abgegessener, müde machender Minimal-House. Man drückt sich mit rattengiftartigen Drogen aus dem Ostblock zu, um ein bißchen Spaß zu haben. Aber mir kann es egal sein. Ich war zwar noch ein halbes Baby, aber ich war dabei. Ich habe den Anfangs-Drive von Techno noch gespürt und ich sehe solche Videos wie das unten und bin glücklich. Ja, das erkenne ich alles wieder, das war Berlins aufregendste Zeit. Scheiß auf Berghain Alter!

Hier die Doku vom SFB von 92/93 mit Tanith, Rok, Mijk van Dijk, Marusha, Ellen Alien uva.

2 Comments

  1. else sagt:

    die videos des verlinkten abzieh-artikels sind nicht mehr verfügbar. bekommt ihr die videos eventuell nochmal woanders her?

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