Vom System gefickt

Der moderne Mensch muss sich ja mit allerlei Scheiße auseinandersetzen. Arbeit, Freizeitgestaltung, Freundschaften, das ewige Problem des Über-die-eigenen-Verlältnisse-lebens oder eben Beziehungen. Mit Letzterem beschäftigen wir uns alle ja besonders gerne. In Filmen, Liedern, Texten, mit den Beziehungen unserer Freunde, mit Beziehungen von Fremden oder Bekannten (aka lästern). Und immer gibt es Stress. Bis einer heult. Oder beide. Oder eben alle die, die es etwas angeht. Eine Sache, die ich nicht verstehe, ist die, wieso es nur so oder so gehen kann? Ganz oder gar nicht. Doll oder oll. Wieso sind wir nicht in der Lage einen Umgang oder Nähe miteinander zu finden, die für alle Beteiligten ok/gut/erstrebenswert ist? Gehen wir mal davon aus, dass sich zwei (oder mehr) Menschen ganz gut finden, eine normale, stereotype Beziehung aber aus bestimmten Gründen nicht möglich ist. Und was kommt jetzt? Drama!


Haben wir geltende Beziehungsmuster wirklich so sehr verinnerlicht, dass wir zu dumm sind, um neue Möglichkeiten des Miteinanders zu finden? Soziale Beziehungen lassen sich in kein Raster quetschen, da sie mehrdimensional, komplex und variabel sind, und trotzdem versuchen wir es immer wieder. Egal ob bei Freundschaften oder romantischen Beziehungen, bei Affären oder bei der Beziehung zu unseren Eltern. Wir haben in unserem Kopf eine Vorstellung, welcher wir und andere entsprechen müssen. Aber hey, so etwas wie ein universell geltendes Erfolgsrezept gibt es nicht in zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich denke, dass sich sehr viele Menschen sehr oft unnötig verletzen, weil wir uns von bestimmten Erwartungen nicht lösen können. Und so versuchen wir immer wieder den Ball in die eckige Schablone zu quetschen und scheitern. Dabei sind selbst Affen in der Lage, eine solche Aufgabe zu lösen.

Klar, es gibt einen Grund, wieso sich bestimmte Formen des menschlichen Miteinanders durchgesetzt haben und andere nicht. Die Frage ist nur, ob es die richtigen Gründe waren. Eine Idealbiografie mag ja Sinn machen, wenn man bei der Sparkasse arbeiten will, aber sollten wir uns auch in unseren intimsten Lebensbereichen von einem abstrakten, komplett verklärten und vorgeschriebenen Ideal leiten lassen? Oder ist es an der Zeit für etwas Neues? Kann es Bedürfnisse außerhalb des bestehenden Systems geben? Irgendwie ja nicht, sind Bedürfnisse doch ein Resultat der Wirksysteme in einer Gesellschaft. Ich sehe etwas, also will ich das haben. Mir wird gesagt, dass die Dinge so und so funktionieren, also mache ich es so. Ich finde alles scheiße, also mache ich genau das Gegenteil. Auch sehr schlau.

Ich weiß schon lange, dass ich keine stereotype Beziehung leben kann und will, weil ich mich dann selbst nicht mehr leiden kann. Und genau dort liegt oftmals das Problem. Habe ich doch in den letzten Jahren immer wieder versucht dem Bild der „Freundin“ zu entsprechen. War bescheuert, tat weh. Und weil ich nicht wusste, was ich von der anderen Person eigentlich genau will.
Ich dachte schon, ich bin irgendwie seltsam, weil ich meine Freiheiten brauche, nicht im Sinne von „ich scheiß mal eben auf alle“, sondern in Sinne von „ich brauche Platz zum Denken und Alleinsein“.

Wer sich selbst nicht genug ist, wird anderen auch nie genug sein.

Aber welche Alternativen zur romantischen Zweierbeziehung gibt es denn? Die offene Beziehung?
Super. Tod auf Raten.

Eine offene Beziehung bewegt sich nicht wirklich aus den vorhandenen Strukturen heraus. Stattdessen werden Ersatzregeln und Erwartungen formuliert, welche sich ziemlich gut mit herrschenden Strukturen vertragen. Zwar werden diese erweitert, aber nicht durchbrochen. Wirkliche Reflexion über Bedürfnisse, Machtstrukturen und (Selbst-)Disziplinierungsmaßnahmen innerhalb und außerhalb von Beziehungen gibt es hier nur selten.

Wir wollen ja alles besser machen als unsere Eltern. Ja, wieso fängt dann niemand damit an?!

Weil es verdammt schwer ist, sich von seinen anerzogenen und von überall vorgelebten Mustern zu lösen. Weil wir sofort ein bestimmten Film abspielen, sobald wir jemanden toll finden. Weil wir alle unsicher sind und weil wir uns in Gefilde begeben würden, die uns komplett unbekannt sind. Ist ja so schon alles beängstigend genug. Also rackern wir uns lieber einen ab und versuchen bestimmten Erwartungen zu entsprechen. Unseren und denen der anderen. Mal davon abgesehen, dass alternativeLebens- und Liebeskonzepte fast immer auf Unverständnis oder sogar richtige Benachteiligung trifft. Ob staatlich oder sozial. Beispiele lassen sich hier unendlich finden. Keine Ahnung, wovon ich spreche? Also, allein die Frage: „Ist das jetzt dein Freund“ impliziert schon ein ganzes Bedeutungssystem und soooo viele mögliche Antworten gibt es hier auch nicht. Einfach mal checken, was man bei Facebook als Beziehungsstatus angeben kann.

Wieso sich also nicht in ein Konzept einfügen, welches keiner Erklärung bedarf?
Weil es bescheuert ist.
Weil wir uns damit gegenseitig weh tun.
Weil die Dinge nun einmal nicht so einfach sind.

Also wenn euch mal wieder ein Freund oder eine Freundin sagen will, wie ihr eure Beziehung zu leben habt, einfach mal aufs Maul hauen. Und auf die eigenen Bedürfnisse hören.
Und jetzt kommt das Wichtigste: mit der Person eurer Begierde sprechen. Und versuchen, Dinge anders zu machen. Ihr werdet wahrscheinlich scheitern, denn so ist es mit Pionieren. Erstmal geht ganz viel schief.

Aber vielleicht trägt es ja dazu bei, dass wir irgendwann schlauer als Affen sind….

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One Comments

  1. Sheinwelt sagt:

    Natürlich gibt es kein universell geltendes Erfolgsrezept für zwischenmenschliche Beziehungen. Genauso wenig wie es eine Idealbiografie gibt, um eine erfolgreiche Beziehung zu führen. Aber verdammt nochmal warum soll man keine stereotype Beziehung leben können. Das schaffst auch du. Es kommt nur darauf an wer die stereotypen festlegt. Dann fickt dich auch nicht das System. Bloß keine eigene Meinung haben bzw. keine öffentliche und lieber machen was die Massen machen. Also denk nicht nur daran eine eigene Meinung zu haben, vertritt sie auch. Und glaub mir, selbstgemachte stereotypen müssen nicht schlecht sein.

    Warum versucht Du auch einem Bild zu entsprechen, das dir doch gar nicht gefällt? Nur wegen der Muster von den du nicht lassen kannst? Weil du die Konfrontation scheust? Fehlt der Wille und die Kraft für etwas einzustehen? Aber wie will man auch für etwas einstehen, wenn man doch gar nicht weiß was man selbst eigentlich will. Aus diesem Grund trauen sich die meisten auch gar keine verbindlichen Aussagen zu machen. Wie oft höre ich den Satz: „wir telefonieren dann noch mal!“ Deswegen gibt es jetzt auch diese Mingels – halb Beziehung, halb Singles? Nur weil sich keiner mehr entscheiden kann.. Heute will jeder alles haben ohne wenn und aber. Wo wir die Antwort auf die Frage finden warum die meisten so unsicher sind. Na ist doch logisch. Wer sich nicht entscheiden kann schwebt ständig in der Luft. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof.
    Es ist auch ganz logisch, dass Beziehungsprobleme entstehen, wenn einem nicht klar ist, dass eine jegliche zwischenmenschliche Beziehung eine Bedeutung hat. Sei sie auch noch so gering. Nur das würde wiederum bedeuten, dass man sich Gedanken machen muss über Andere und so triviale Dinge wie Gefühle. Und bitte nicht nur die Großen. Die kleinen sind in der Menge auch groß.

    Sicher ist es auch richtig über alles zu sprechen, aber was hilft es über etwas zu sprechen wenn die Bedeutung dessen im Unklaren bleibt. Ebenso die eigene Meinung nicht offen ausgesprochen wird. Weswegen ich zustimme, dass die meisten scheitern. Denn über seine Begierden zu sprechen ist zwar schön, ein Anfang. Aber das aller wichtigste ist doch auch die Bedeutung zu verstehen und nicht stumpf nur irgendetwas verändern zu wollen. Zumal die meisten Menschen genauso wenig ehrlich zu sich selbst wie zu anderen sind. Im Übrigen haben es aus diesem Grund aufrichtige Menschen, die auch noch eine eigene Meinung haben und obendrein noch die Kraft dazu Entscheidungen zu treffen schwer im Leben. Sie offenbaren den anderen ihren Selbstbetrug. Wann warst du das letzte Mal unehrlich, weil es doch so viel leichter ist? Wann warst du das letzte Mal Sauer, weil jemand ehrlich zu dir war?

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