Weihnachten unter Berlinern

Ungeduscht..und keiner merkt es. Jedes Jahr aufs Neue werde ich krank. Zur Weihnachtszeit, spätestens am 23. Dezember, ist mein Körper unterfordert und denkt sich nichts Besseres aus als Krankwerden – wie langweilig von dir Körper. Dabei könnte ich die Kraft jetzt so gut gebrauchen, um stundenlang durch die leeren Straßen zu flanieren, und mich an der Hässlichkeit Berlins zu ergötzen. So richtig schön scheiße sieht es aus. Graue Häuser, nasse Wände mit schlechten Bombings von vor 10 Jahren und ab und zu ein grimmiges Berliner Gesicht, oder zwei.

Jedes optimistische Lächeln ist nach Hause gefahren und feiert das Fest im Kreis der Familie irgendwo in Deutschland. Ich weiß, dass es ihnen gerade gut geht und dass sie Kraft tanken für das neue Jahr. Sie freuen sich ihre Familie die Schulfreunde wieder zu sehen und ihren Dialekt aufzufrischen – irgendwie bin ich neidisch

Es ist der 26. Dezember. Ich setzte mich auf den Barhocker der einzigen Kneipe die geöffnet hat. Irgendwo in der Weserstraße habe ich eine Bleibe für den Abend gefunden. Wie jedes Jahr treffen wir uns hier, die Stimmung ist familiär und irgendwie bodenständig. An Tagen wie diesen schmeckt das Bier besonders, vielleicht liegt es an der Ruhe. Meine ganze Konzentration ist jetzt auf den Geschmack dieses einen Bieres gerichtet, mein Gott wie gut so ein Kindl schmeckt.

Die Gespräche sind langsam und tiefgründig. Nicht politisch oder intellektuell, schon immer noch Kneipenniveau, aber ein annormal hohes, irgendwie. Berlin ist entschleunigt. Für 2-3 Tage im Jahr zeigt Berlin sein altes Gesicht. Das Make-Up ist runter, no more heititeiti. Ungeschminkt guckt es mich an, irgendwie echt. Ich finde das gut, denn auch ich bin seit zwei Tagen ungeduscht, ich habe nichts zu verbergen – Ich bin zu Hause.

„Die ersten ICEs aus Hamburg und Bremen sind angekommen“, sagt der junge Mann mit Basecap an dem Einzeltisch rechts neben uns. Er hat seine DB-App gecheckt und wirft die Info unvermittelt in den Raum. Trolligeräusche sind vernehmbar. Die ersten Frohnaturen lachen sich die Weserstraße entlang. Unsere Bierschluckfrequenz erhöht sich, denn wir müssen uns wappnen. Ein letztes Mal blicke ich auf die verranzten Gesichter und verfetteten Haare meiner Freunde. Es war schön sie mal wieder zu sehen. Wir nicken uns wissend zu. Ick verlasse lächelnd die Bar und gehe mich duschen – Ich freue mich auf Weihnachten!

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